MOZ.de - Mathias Puddig

Berlinale bei der Märkischen Onlinezeitung Wir berichten von den 67. Internationalen Filmfestspielen

Berlinale bei der Märkischen Onlinezeitung Wir berichten von von Mathias Puddig

Sonntag, 20. Februar: Ein Rückblick

Die 67. Berlinale ist Geschichte. War es eine gute Ausgabe? Nicht unbedingt, findet Mathias Puddig in seinem Abschlusskommentar. Zumindest der Wettbewerb sei im Rückblick eher schwach gewesen. Auch das Politische beim “politischsten Filmfestival der Welt” konnte ihn nicht überzeugen. Das heißt allerdings nicht, dass es nichts zu entdecken gab – wie Kritiker Knut Elstermann und andere Filmfans in einem ersten Resümee direkt nach der Bärenverleihung sagten:

Auch das MOZ-Berlinale-Team hat zehn spannende Tage hinter sich. Die Filmreporter haben über Filme aus der arabischen Welt berichtet und aus Werder/Havel. Sie haben sich mit den Regielegenden Volker Schlöndorff und Agnieszka Holland unterhalten und mit aufstrebenden Filmemachern aus Brandenburg und Berlin. Und sie haben miteinander über das Gesehene diskutiert. So sehr, dass zu einem Film – nämlich “T2 Trainspotting” – sogar zwei Kritiken geschrieben wurden.

Auf dieser Seite wird auf die 67. Berlinale zurückgeblickt – auf das ganze Drumherum und auf die 18 Filme, die um die Trophäen konkurrierten.

FILME IM WETTBEWERB

★★★★ Teströl és lélekröl (On Body and Soul) HUN

Weltpremiere am 10. Februar

★★★★ Félicité FRA, SEN, BEL, GER, LIB

Weltpremiere am 11. Februar – Zur Kritik

★★★★★ Pokot (Spoor) POL, CZE, SWE, SVK

Weltpremiere am 12. Februar – Zur Kritik

★★★★ Una mujer fantástica (A Fantastic Woman) CHL, USA, GER, SPA

Weltpremiere am 12. Februar – Zur Kritik

★ Helle Nächte GER, NOR

Weltpremiere am 13. Februar – Zur Kritik

★★★★ The Party GBR

Weltpremiere am 13. Februar – Zur Kritik

★★ Mr. Long JAP, HNKNG, TAI, GER

Weltpremiere am 13. Februar – Zur Kritik

★★★★ Toivon tuolla puolen (The Other Side of Hope) FIN, GER

Internationale Premiere am 14. Februar – Zur Kritik

★★★★★ Sage femme (Ein Kuss von Béatrice) FRA, BEL

Weltpremiere am 14. Februar – Außer Konkurrenz – Zur Kritik

★★★ Return to Montauk (Rückkehr nach Montauk) FRA, GER, IRL

Weltpremiere am 15. Februar – Zur Kritik

★★★★ Bamui haebyun-eoseo honja (On the Beach at Night Alone) KOR

Weltpremiere am 16. Februar – Zur Kritik

★★★ Hao ji le (Einen schönen Tag noch) CHN

Weltpremiere am 17. Februar – Zur Kritik

★★★★ Ana, mon amour ROM, GER, FRA

Weltpremiere am 17. Februar – Zur Kritik

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Sonnabend, 19. Februar: Bilder für die Ewigkeit

Wenn auf den roten Teppichen der große Trubel ausbricht, ist Alexander Janetzko oft ein Pol der Ruhe. Kein Wunder, der Fotograf aus Cottbus muss seine Bilder anschließend nicht in Zeitungen und auf Internetseiten unterbringen. Er fotografiert sozusagen für die Archive. Seit zehn Jahren ist Janetzko, der vor zweieinhalb Jahren den Nachwuchsförderpreis der brandenburgischen Kulturministerin erhielt, Teil des Berlinale-Fotografen-Teams. Gitta Dietrich hat ihn porträtiert.

Möglichst wenig Aufsehen erregen – das will auch Comic-Held Wolverine, der bürgerlich Logan heißt. Der Film über ihn beendete am späten Freitagabend den Wettbewerb. Er lief allerdings außer Konkurrenz, sodass er sowieso keine Bären-Chancen hat. Vielleicht ist das auch besser so: Denn bei Simon Rayß haben sich Ermüdungserscheinungen eingestellt.

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Freitag, 18. Februar: Wer macht das Rennen?

Zehn Tage, 18 Filme, drei MOZ-Kritiker. Kurz vor der Abschlussgala blicken unsere Festivalreporter auf den Berlinale-Wettbewerb zurück und fragen sich: Wer wird wohl den Goldenen und die Silbernen Bären mit nach Hause nehmen?

Mathias Puddig

Es soll ja Kollegen geben, die glauben, dass man anhand der Programmierung erkennen kann, welcher Film den Goldenen Bären gewinnt. Gute Chancen hätte dann Agnieszka Hollands „Pokot“. Der lief genau zu der Zeit, zu der im vergangenen Jahr der Sieger „Fire at Sea“ gezeigt wurde – und in der Tat legte die Polin in diesem Wettbewerb einen der besseren Filme vor. Um das zu sehen, braucht man keine Kino-Kabbala. Aber hat sie wirklich den Hauptpreis verdient? Wäre der Bär für die beste Regie nicht besser bei ihr aufgehoben?

Ein zweiter Film – ebenfalls aus Mittelosteuropa, ebenfalls von einer Regisseurin – macht ihr nämlich Konkurrenz: Der stille Streifen „On Body and Soul“ aus Ungarn wird auf den Kinogängen längst als heißer Kandidat gehandelt. Das muss allerdings ebenfalls nichts heißen, schließlich war die Jury bei den Ganggesprächen nicht dabei. Tatsächlich drängt sich in diesem Jahr kein Film für den Hauptpreis auf. Die große Sensation blieb aus. Stattdessen gab es viele kleine Sensationen. An Kandidaten für die Silbernen Bären mangelt es wirklich nicht.

Gitta Dietrich

Am Anfang „On Body and Soul“ (Ungarn) und „Ana, Mon Amour“ (Rumänien) als Abschluss sind für mich die Höhepunkte in diesem leider durchschnittlichen Berlinale-Jahrgang. Sie drehen sich gleichermaßen um komplizierte Beziehungen – beide völlig unterschiedlich inszeniert. Der „Ungar“ spannend in seiner Künstlichkeit und der „Rumäne“ intensiv in seinem Realismus. Den charismatischen Paaren dieser Filme sei auch der Silberne Bären für die schauspielerische Leistung gegönnt.

Agnieszka Holland, Sally Potter, Volker Schlöndorff, Aki Kaurismäki – viele Altmeister waren mit Werken in gewohnter Qualität mit von der Partie. Einer der Genannten wird sicherlich einen Bären mit nach Hause nehmen. Die deutsche Auswahl sieht weniger preisverdächtig aus: Thomas Arslans „Helle Nächte“ langweilte, Andres Veiels „Beuys“ hat als Doku ebenfalls nur geringe Chancen. Dass hiesige Produzenten aber einen Bären ergattern, ist höchstwahrscheinlich – schließlich stehen so viele Co-Produktionen wie nie zur Auswahl. Filme zu kreieren, scheint immer mehr länderübergreifende Sache zu sein und das ist auch gut so.

Simon Rayß

Jeden Vormittag, wenn sich die Tore des Berlinale Palastes zur Pressevorführung öffnen, sitzen sie mitten unter uns: die Jury-Mitglieder. Doch am Freitag, beim letzten Film, der in den Wettbewerb startet, bleiben die Sitze leer. Wahrscheinlich tagt das Gremium da schon und überlegt, an wen es die sieben Silbernen und den einen Goldenen Bären vergeben soll. Hoffentlich haben die Mitglieder dabei nicht „Ana, Mon Amour“ verpasst. Die beiden Hauptdarsteller des fordernden rumänischen Beitrags, Mircea Postelnicu und Diana Cavallioti, sind nämlich durchaus Anwärter auf die Schauspiel-Preise.

Doch Jury-Präsident Paul Verhoeven, der doppeltes Stimmrecht genießt, hat sich im Vorfeld kontroverse und „andere“ Filme gewünscht. Das spricht für den provokativen polnischen Beitrag „Pokot“, aber ebenso für„On Body and Soul“ aus Ungarn – einen herzerwärmenden Film, der in einem Schlachthaus spielt. Bewegend, traurig und wunderschön zugleich ist Aki Kaurismäkis „The Other Side of Hope“. Eine Leistung, die der Jury zumindest einen Regie-Preis wert sein sollte.

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Donnerstag, 16. Februar: Ehrenbären für Grand Dame der Kostüme

Manchmal sind es nur Details, die einen guten Film zu einem Meisterwerk machen. Die hervorragenden Kostüme in “Jenseits von Afrika” etwa, die vielsagende Kleidung in “The Shining” oder die so gar nicht futuristischen Anzüge der Gang um Alex in “A Clockwork Orange”. Und was wäre “Grand Budapest Hotel” ohne seine schrill-stilvollen Klamotten? Sie alle wurden von der italienischen Kostümdesignerin Milena Canonero entworfen, die dafür am Donnerstagabend mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Dieter Kosslick persönlich hat ihr am Donnerstag den Ehrenbären überreicht und auch indirekt ein paar Worte zu Trump fallen lassen – mehr im Video.

Doch es gab noch mehr Nostalgie am Donnerstag: So traf sich Simon Rayß mit Volker Schlöndorff und blickte gemeinsam mit ihm auf eine vergangene Liebe zurück, die nun den Stoff für seinen Wettbewerbsbeitrag “Rückkehr nach Montauk” bildete. “Das war eine ganz tolle Frau”, verriet ihm der Regisseur, der schon zum vierten Mal bei der Berlinale vertreten ist. Melancholisch wurde es beim Dreh trotzdem nicht, wie Hauptdarsteller Stellan Skarsgård berichtet. “Ich hatte großen Spaß, diesen Film zu machen”, sagt er. Wie das zusammengeht, hat Simon Rayß aufgeschrieben.

Ebenfalls um die Vergangenheit drehte sich der Film “In Zeiten des abnehmenden Lichtes”. Die Verfilmung des Eugen-Ruge-Romans wurde im Rahmen des Berlinale-Specials gezeigt und findet, so unser Kritiker, “überzeugende Bilder für den Herbst der DDR”.

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Mittwoch, 15. Februar: Und es dreht sich alles im Kreis

Am Vormittag herrscht am Potsdamer Platz Ruhe vor dem Sturm, abends sieht das schon ganz anders aus – ein Rundblick.

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Dienstag, 14. Februar: Gekreisch und viel Tränen

Er bringt die Mädels um den Verstand. Robert Pattinson hat am Dienstag seinen Film «The Lost City of Z» («Die versunkene Stadt Z») im Zoo Palast vorgestellt. Schade nur, dass eigentlich nur einen Nebenrolle spielt. Sienna Miller und Charlie Hunnam sind die Stars in den eher lahmen Hollywoodstreifen. Vielleicht klappt es ja irgendwann mal lieber mit einer großen Rolle!

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Montag, 13. Februar: Die Stars von morgen

Sie waren in der Vergangenheit die Shootingstars der Berlinale: Daniel Craig, Alicia Vikander und Daniel Brühl. Heute wurden am Potsdamer Platz die neuen “Großen” ausgezeichnet. Der deutsche Shootingstar ist der 19-jährige Louis Hofmann, der zuletzt unter anderem im dänischen Drama “Unter dem Sand” zu sehen war, das Ende des Monats einen Oscar gewinnen könnte. Im Gespräch mit Barbara Breuer sagt er jedoch: “Bei den Oscars geht es ja vor allem um den Film, und bei der Berlinale geht es um meine Arbeit als Schauspieler. Das ist noch mal ein Unterschied.”

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Sonntag, 12. Februar: August Diehl mit Perücke

Am Abend wurde im Friedrichstadt-Palast “Der junge Karl Marx” vorgestellt. Mit dabei war natürlich das gesamte deutsch-französische Team um die Herren Marx und Engels, August Diehl (schwarze Fliege) und Stefan Konarske (rote Fliege).

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Sonnabend, 11. Februar: Sie rennen und sie kotzen wieder

Die ersten Wettbewerbsfilme sind gelaufen – und ausgerechnet an “T2 Trainspotting” scheiden sich im MOZ-Team die Geister. Während Simon Rayß sich dem “Rausch dieses wehmütigen und doch immer wieder schmerzhaft komischen Films” ergeben hat, sah Mathias Puddig ein Drogen-Drama, in dem”so gut wie jede Idee entweder alt oder doof” ist. Hier sind die beiden Kritiken.

Simon Rayß

★★★★

Hurra, sie leben noch! 20 Jahre sind vergangen und tatsächlich: Keiner der vier Junkies hat bisher ins Gras gebissen. Zugegeben: In bestem Zustand sind sie nicht. Begbie sitzt im Knast, Spud hängt noch immer an der Nadel, Sick Boy hat sich dem Kokainkonsum zugewandt und Renton eine erste Herzattacke überstanden. Doch sie sind am Leben und reif für eine Fortsetzung von “Trainspotting”, dieses Kultfilms von 1996.

Das hat sich der Autor der Vorlage, Irvine Welsh, bereits 2002 gedacht und mit “Porno” einen weiteren Teil geschrieben, der die Vier im schottischen Edinburgh wiedervereint. In der Verfilmung, die nun im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, sind es zwei Jahrzehnte, die nach dem großen Verrat ins Land gegangen sind. Renton hat sich damals mit der gemeinsamen Beute eines Heroindeals aus dem Staub gemacht. Nun kommt er zurück, und es erwarten ihn Hass, Ablehnung, Rachegelüste, doch auch Wiedersehensfreude und zaghaft keimende Freundschaft.

Wiedersehensfreude wird sich auch bei den Fans einstellen, wenn die Beats der Elektro-Kombo Underworld wie beim Original loshämmern und der Film mit halsbrecherischem Tempo aus den Startblöcken saust. Doch der flirrende Schnitt kann bald nicht mehr darüber hinwegtäuschen: Regisseur Danny Boyle, der seit “Trainspotting” eine Weltkarriere hingelegt hat mitsamt Oscar-Gewinn (“Slumdog Millionär”), geht es nicht nur um Kurzweil.

Er lässt sich inmitten des langsam abebbenden Bildersturms Zeit, den Figuren Leben einzuhauchen – mit all ihren enttäuschten Hoffnungen und noch immer schwelenden Träumen. Das gelingt auch dank der grandiosen Schauspieler. Der ewig jugendliche Ewan McGregor lässt als Heimkehrer hinter dem anarchischen Grinsen Abgründe erahnen, und Robert Carlyle weckt sogar für einen Psychopathen wie Begbie beinahe Mitgefühl.

Streckenweise ist der Film dennoch eine zähe Angelegenheit, vor allem wegen des wenig zugkräftigen Plots. Die Geschichte vom Aufbau eines “Saunaclubs” am hinteren Ende Edinburghs, das bisher von der Gentrifizierung verschont geblieben ist, kommt eher als Vorwand daher, in alten Zeiten zu schwelgen. Selten war das Original in einer Fortsetzung derart präsent: “Nostalgie, deswegen bist du hier”, sagt Sick Boy einmal zu seiner Hassliebe Renton. Genau darum geht es auch in “Trainspotting 2”: Wie eine Folie legen sich immer wieder Bilder des ersten Teils über die Szenen.

20 Jahre sind vergangen, in denen der Verfall der Figuren vorangeschritten ist, ohne dass sie sich vom Fleck bewegt haben. Nun rennen sie wieder, sie kotzen und nehmen Drogen. Alles bleibt in Bewegung und trotzdem herrscht Stillstand. Das ist die leise Erkenntnis hinter dem Rausch dieses wehmütigen und doch immer wieder schmerzhaft komischen Films.

Mathias Puddig

Der Empfang war wirklich sehr warm. Mit etwas Verspätung trafen am späten Freitagabend Regisseur Danny Boyle und die Darsteller seines Films “T2 Trainspotting”, Jonny Lee Miller, Ewan Bremmer und Anjela Nedyalkova im Berlinale Palast ein. Zur Begrüßung brandete dennoch Applaus auf: Schließlich sind die Jungs aus “Trainspotting” alte Bekannte. Und wir haben sie seit 20 Jahren nicht gesehen.

“Nostalgie, deswegen bist du hier”, heißt es dann auch im Film. Und das trifft die Sache ziemlich gut, auch wenn es selbstironisch gemeint ist. “Trainspotting” war einer der wichtigsten Filme der 90er-Jahre. Sein Soundtrack ist unvergessen; seine Bilder wurden zu Ikonen; seine “neuen Helden” (so der deutsche Untertitel) ebenfalls. Die Fortsetzung weiß ganz offenbar darum und zitiert das Original ausführlich: Einstellungen aus den 90ern werden in den neuen Film geschnitten, Szenen und Dialoge zitiert, ja, die ganze Geschichte aus “Trainspotting” wird auch noch aufgeschrieben und in Teilen vorgelesen. Natürlich sorgt das für warm-wohlige Nostalgie – aber will “Trainspotting” warm-wohlig sein? Im zweiten Teil des Drogen-Dramas ist so gut wie jede Idee entweder alt oder doof.

Denn was zwischen den Zitaten kommt, ist einigermaßen dünn. Boyle erzählt, wie erwartet, die Geschichte vom Wiedersehen der vier Freunde Mark Renton (Ewan McGregor), Spud (Bremmer), Sick Boy (Miller) und Begbie (Robert Carlyle). Dass das nicht ohne Streit abgeht, liegt auf der Hand. Schließlich hat sich Renton am Ende des ersten Teils mit 16000 Pfund davon gemacht, die die Gruppe eigentlich unter sich aufteilen wollte. Die Wut auf ihn ist geblieben, auch wenn sich alles andere verändert hat. Spud ist Vater geworden, Sick Boy versucht sich als Zuhälter, und Begbie ist gerade aus dem Gefängnis geflohen. Wer sich auch nur dunkel an den ersten Teil erinnert, der braucht kein prophetisches Talent, um die Dialoge in der Fortsetzung vorauszuahnen. Da ist wirklich keine Überraschung, nirgends! Außer vielleicht, dass sich das dreckige Edinburgh in eine schicke Stadt verwandelt hat. Das führt allerdings dazu, dass “T2” über weite Strecken aussieht wie das aufwendig produzierte Promovideo einer schottischen Tourismusbehörde.

Wohltuend hebt sich davon nur die Figur der Veronika (Nedyalkova) ab, einer lebensklugen Prostituierten aus Bulgarien. Die kommt über weite Strecken zwar kaum zu Wort, weil die Jungs auch in der Fortsetzung meist das Sagen haben. Wenn es aber doch so weit ist, dann ist sie die kluge Kommentatorin des Geschehens. Und so durchschaut auch sie schnell: “Ihr seid nur aus Nostalgie hier.” Regisseur Boyle wiederum sagte am Freitag auf der Pressekonferenz, wie um Veronika zu ergänzen: “Und der Kern dieser Nostalgie ist Enttäuschung.” Manchmal sind dann doch der Regisseur und einzelne seiner Figuren schlauer als der ganze Film.

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Donnerstag, 9. Februar

Die Berlinale ist eröffnet – und zwar bei Eiseskälte. Den Fotos vom roten Teppich sieht man das zwar nicht an. Die Frauen tragen luftige Kleider, bis auf Kosslick hat kaum jemand einen Schal um. Kalt war es trotzdem. Zwei Dinge könnten helfen: einerseits Gedränge. Das gab es am Donnerstag nicht nur zur Gala am Abend im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz, sondern bereits zuvor an den Kartenschlangen und auch an den Eingängen zu den Pressevorführungen (die eigentlichen Publikumsvorführungen starten erst am Freitag so richtig). Unsere Rote-Teppich-Reporterinnen Inga Dreyer und Gitta Dietrich haben sich von der Kälte nicht schrecken lassen.

Das andere Mittel gegen die Kälte könnte Musik sein. Und die gab es mit dem Eröffnungsfilm über Django Reinhardt. Unsere Kritikerin Gitta Dietrich war verzaubert von dieser Musik, vom Film aber nicht restlos überzeugt. Sie hat “Django” drei von fünf Sternen verpasst.

Überzeugt war hingegen Kollege Simon Rayß – ebenfalls gleich doppelt. Erst verkündet er freudig, dass den Journalisten in diesem Jahr zum ersten Mal der Kaffee spendiert wird; und dann sitzt er kurz darauf Jury-Präsident Paul Verhoeven in der Pressekonferenz gegenüber. Chuzpe hatte der ja schon gezeigt, als er gleich sieben Goldene Himbeeren (das sind die Anti-Filmpreise in Hollywood) auf einmal “gewann” und sie alle selbst abholte. Was sonst so von Verhoeven zu halten und zu erwarten ist, hat Simon Rayß aufgeschrieben.

Eine andere Größe des europäischen Films hat Mathias Puddig ans Telefon bekommen. Die polnische Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Holland stellt zwar erst am Sonntag ihren neuen Film “Pokot” in Berlin vor. Mit der MOZ hat sie aber schon ein paar Worte gewechselt: über Frauen im Filmgeschäft, über Populisten, auch über “House of Cards”, wo sie ja für einige Folgen die Regie übernommen hat. Holland, die im Gespräch beeindruckend umkompliziert ist, ohne simpel zu werden, zieht dabei ein pessimistisches Fazit: “Wir leben in interessanten, aber gefährlichen Zeiten”, sagt sie in dem Interview in Anspielung auf ein chinesisches Sprichwort.

Es geht um ökologische Fragen, anarchistische und philosophische, und “Pokot” hat auch Elemente von Thrillern und Schwarzen Komödien. Ich bin selbst gespannt, wie er aufgenommen wird. Als Unterhaltung? Als eine Art Statement zu unserer Zeit? Sehen die Menschen die Ungerechtigkeit, unter der meine Heldin so leidet? Es kann wirklich viele verschiedene Sichtweisen geben. Agnieszka Holland über ihren neuen Film 'Pokot'

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Mittwoch, 8. Februar: Von liebenden Robotern und samoanischen Geburtshelfern

Unsere Ausblicke auf die Berlinale

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Gitta Dietrich

„The Party“, „The Dinner“, „The Bar“ – das Wettbewerbsprogramm der Berlinale klingt recht vergnüglich. Doch weit gefehlt: Hinter den schlichten Titeln stecken vor allem persönliche Geschichten – es geht um gelangweilte Paare, gescheiterte Lebensentwürfe, aber auch um die große Angst vor dem Terror. Ich bin gespannt, wie sich gerade diese Filme im recht intimen Spielrahmen entfalten.

Amüsant dürfte das Regiedebüt von Josef Hader sein. In der Komödie „Wilde Maus“ hat er auch gleich die Hauptrolle übernommen, mimt einen Wiener Musikkritiker mit spitzer Feder, dem völlig überraschend gekündigt wird. Die großen Stars scheinen es dieses Jahr vorzuziehen, dem kalten Berlin fernzubleiben, dennoch trauen sich Trainspotter Ewan McGregor und Wolverine-Hugh Jackman auf den Roten Teppich. Einen Blick auf die Herren werde ich mir auf jeden Fall gönnen, freue mich aber auch auf Berlinale-Urgestein Tilda Swinton. Sie ist in der Nebenreihe Panorama Dokumente die Erzählerin in dem Dokumentarfilm “Tania Libre” über eine kubanische Dissidentin.

Inga Dreyer
Inga Dreyer

Schon wieder hätte ich beinahe die Station zum Aussteigen verpasst. Die Nase ins Berlinale-Programm vertieft, bewege ich mich leicht verwirrt durch die Stadt. Ganz altmodisch habe ich Kugelschreiber-Kreuzchen über die Seiten verteilt. Ich tue so, als ob ich plane. Letztendlich weiß man bei diesem Festival aber nie so genau, wo es einen hintreibt.

Zum ersten Mal bin ich nicht nur privat dabei, sondern als Reporterin. Das ist aufregend. Ich mag die Vielfalt und freue mich vielleicht auch deshalb auf die Kurzfilme: Innerhalb weniger Minuten entführen sie einen in unterschiedliche Welten – geografisch, thematisch und ästhetisch. Vom Aufwachsen zwischen Checkpoints in Palästina („The Boy from H2“) über die schillernde Tecnobrega-Musikszene in Brasilien („Estás vendo coisas“), die Liebesfähigkeit von Robotern („Os Humores Artificiais“) bis zur Wahl der beeindruckendsten Holocaust-Überlebenden in Israel („Miss Holocaust“). In kürzester Zeit muss man umschalten, sich neu einlassen.

Die Berlinale ist nicht nur ein Ort, um sich hollywoodmäßig wegzuträumen. Ich freue mich deshalb sehr auf die politischen Diskussionen: Wie steht es um die Chancen des Nachwuchses und den Anteil von Frauen im Filmbusiness? Spannend auch: alles, was am Rande passiert – zum Beispiel beim Kiez-Kino. Stars und Newcomer, internationale Künstler und mein Kino um die Ecke – das alles zusammen macht die Berlinale aus.

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Mathias Puddig

Das Kürzel T2 hat gute Chancen, für mich diese Berlinale zu prägen. Schließlich wird der lang erwartete Nachfolger von „Trainspotting“ gezeigt, und der hat in Großbritannien ja gar nicht mal so schlechte Kritiken bekommen. Zu schade, dass er nur außer Konkurrenz läuft. Dafür könnten drei Filme vom europäischen Festland im Bärenrennen spannend werden.

Am Sonntag stellt die wunderbare Agnieszka Holland „Pokot“ vor. Rätselhaft wie der Titel (auf deutsch heißt das „Jagdstrecke“ und meint die Präsentation von geschossenem Wild), sind auch Trailer und Ankündigung. Geht’s um Feminismus? Ist das ein Thriller? Eine Komödie? Alles scheint möglich. Das gilt auch für den Kabarettisten Josef Hader, der sein Regiedebüt „Wilde Maus“ im Wettbewerb zeigt. Die Erfahrung lehrt ja: Wenn Hader auftritt, feiert Österreich Kirmes. Möge er diesen Geist mit zur Berlinale bringen.

Auch auf „Ana, Mon Amour“ sollte man ein Auge werfen. Der stammt nämlich von Călin Peter Netzer, dem rumänischen Regisseur, der selbst dann noch traurig zu gucken scheint, wenn er gerade einen Golden Bären in die Luft reckt. Den Hauptpreis hat er vor vier Jahren für sein Drama „Mutter & Sohn“ gewonnen. Legt er dieses Jahr nach?

Ihnen ist das alles zu Arthouse? Auch da gibt’s eine Lösung: Bei der Berlinale läuft in diesem Jahr nämlich noch ein zweiter Film mit dem Kürzel T2: Zum allerersten Mal wird die digital restaurierte Fassung des Action-Klassikers „Terminator 2 – Judgement Day“ zu sehen sein. Und zwar in 3D.

simon
Simon Rayß

So ein Berlinale-Programm gleicht einer Achterbahnfahrt. Alljährlich sehe ich einige der besten Filme des Jahres an diesen elf Tagen im Februar – und einige der schlechtesten. Doch darin liegt der Zauber der Festspiele: Ich finde mich im Kino wieder, das Licht geht aus, der berühmte Berlinale-Vorspann hebt an und ich weiß so gut wie nichts über das Werk, das mich erwartet. Einige verlässliche Größen sind zwar immer im Programm zu entdecken.

Diesmal zum Beispiel Aki Kaurismäki. Wenn der finnische Meister der Lakonie mit „The Other Side Of Hope“ einen Film über die Begegnung eines Handelsvertreters mit einem Flüchtling im Wettbewerb zeigt, lohnt es sich mit Sicherheit, ein Ticket zu lösen.

Doch das eigentliche Berlinale-Abenteuer beginnt, wenn der Kinogänger die gewohnten Pfade verlässt. Wenn er sich auf eine dokumentarische Zugfahrt durch Thailand begibt („Railway Sleepers“, Forum) oder einen samoanischen Bäcker kennenlernt, der gleichzeitig als Geburtshelfer arbeitet („One Thousand Ropes“, Panorama). Ob die dann zu den besten oder den schlechtesten Filmen des Jahres gehören? Auf jeden Fall bleiben sie in Erinnerung.

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Montag, 6. Februar: Campieren für das Objekt der Begierde

Heute geht’s los – natürlich noch nicht mit der Berlinale, aber mit dem Ticketvorverkauf. Bereits am Sonntagabend haben es sich die Ersten vor den Ticketcountern in den Potsdamer Platz Arkaden gemütlich gemacht – mit Campingstuhl, eingemummelt in dicken Decken und reichlich Verpflegung. Für viele Kinobegeisterte ist es eine Art Ritual, zwar kann man auch im Internet Tickets besorgen, doch dort ist das Kontingent begrenzt und viele möchten das Ticket in den Händen halten. Drei Tage im Voraus sind die Karten für den jeweiligen Film erhältlich. Heiß begehrt sind Premieren mit Hollywoodstars wie Hugh Jackman oder Ewan McGregor, doch hier ist es fast aussichtlos einen Sitzplatz in Berlinale Palast zu ergattern. Ein Tipp: Einfach mal einen Abstecher zu den Berliner Festspielen in der Schaperstraße machen. Hier ist der Ansturm beim Ticketschalter (hoffentlich) nicht so groß. Aber pssst, nicht weitersagen!

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Dienstag, 31. Januar: Was Biermann bei der Berlinale macht

Die Auftritte von Festivalleiter Dieter Kosslick sind bereits in normalen Zeiten sehenswert. Was er aber in nicht normalen Zeiten bringt, überrascht dann doch: Er zitiert Gedichte. So ist in seinem Grußwort im am Dienstag erschienenen Programmheft ein Vers von Friedrich Hölderlin abgedruckt. “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”, heißt es dort. Die Journalisten überraschte er am Morgen mit Versen eines anderen Dichters. Wolf Biermanns Song “Ermutigung” stand am Beginn der großen Programm-Pressekonferenz.

Damit ist klar: Die ohnehin schon politische Berlinale wird in diesem Jahr noch politischer – und das zieht sich, wie sich zeigen bei der Pressekonferenz sollte, durch alle Sektionen mit ihren insgesamt 399 Filmen. Das Lachen ist in diesem Jahr trotzdem nicht verboten. Denn mit Bezug auf Hölderlin meint Kosslick eben auch: “Diesem hoffnungsvollen Gedanken spüren die Filmemacherinnen und Filmemacher ebenfalls nach und entdecken dabei, dass die Welt trotzdem Spaß machen kann, dass sie kurios genug ist, um uns in Staunen zu versetzen und zum Lachen zu bringen.” Wir nehmen ihn beim Wort.

Einen Überblick über das diesjährige Programm gibt es bei moz.de/berlinale. Dort ist auch eine erste Einschätzung zu finden. Für die ganz Hartgesottenen stellt die Berlinale auf ihrer Internetseite übrigens ab Mittwoch auch einen Mittschnitt der Pressekonferenz zur Verfügung. Darüber hinaus ist nun auch das Programm der Berlinale da – und damit die Termine für die Wettbewerbsfilme.

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Montag, 30. Januar

Willkommen! Es sind keine zwei Wochen mehr, bis in Berlin die 67. Internationalen Filmfestspiele starten, und wir von der Märkischen Oderzeitung werden Sie auch in diesem Jahr durch zehn aufregende Festivaltage begleiten. Zusätzlich zur Themenseite auf www.moz.de/berlinale erfahren Sie an dieser Stelle, was sich auf dem Festival so tut, auf welche Filme Sie sich freuen können, bei welchen gebuht wurde und wie eigentlich Brandenburg bei der Berlinale vertreten ist.

So lässt sich in diesem Jahr zum Beispiel eine Obstplantage bei Werder entdecken, ein Schloss bei Neuruppin und ein Plattenbau in Potsdam. Auch bekannte Gesichter aus der Region sind zu sehen. Enno Trebs (“Das weiße Band”) aus Birkenwerder etwa, der im Panorama-Film “Tiger Girl” eine tragende Rolle spielt. Und Defa-Regisseur Herrmann Zschoche (“Sieben Sommersprossen”), der mittlerweile in Storkow wohnt, findet ebenfalls seinen Platz: Sein Science-Fiction-Film “Eolomea” wird in der Retrospektive gezeigt. Einen Vorgeschmack auf die Retrospektive gibt es hier.

Für Dienstagvormittag hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick zur Programm-Pressekonferenz eingeladen. Die 23 Filme, die ab 9. Februar im Wettbewerb laufen, stehen jedoch bereits fest.

Apropos Kosslick: Der Leiter der Berlinale hatte im vergangenen Jahr einen Gruß nach Brandenburg geschickt. Hier nochmal das Video.

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Ticketschalter, Kinos, Eintrittspreise

Vorverkauf

Der Ticketverkauf beginnt am Montag, 6. Februar, um 10 Uhr morgens. Das heißt aber nicht, dass danach alle Karten schon weg sind. Wie in den Vorjahren können die Karten erst drei Tage im Voraus gekauft werden; bei Wiederholungen von Wettbewerbsfilmen sind es vier Tage. Es gibt aber noch mehr Ausnahmen: So beginnt der Vorverkauf für alle Vorführungen im Friedrichstadt-Palast, im HAU, in der Volksbühne, beim Kulinarischen Kino und bei Berlinale Goes Kiez ebenfalls bereits am 6. Februar.

Ticketschalter

Der zentrale Vorverkauf läuft über vier Ticketschalter. Diese sind in den Potsdamer Platz Arkaden, im Kino International, im Haus der Berliner Festspiele und in der Audi City am Kurfürstendamm. Am Tag der Vorstellungen gibt es Karten in den jeweiligen Kinos.

Online kaufen

Ebenfalls ab 6. Februar gibt es auch im Internet unter www.berlinale.de Karten – allerdings ist das Kontingent begrenzt. Nach und nach wird dieses Kontingent erweitert. Denn auch hier gilt: Verfügbar sind die Tickets erst drei Tage vor den Vorführungen. Freigeschaltet werden sie jeweils um 10 Uhr morgens.

Preise

Das Standardticket kostet 11 Euro. Es gibt aber eine ganze Reihe Ausnahmen: So sind die Karten für den Publikumstag am 19. Februar mit 8 Euro recht günstig. Wer einen Wettbewerbsfilm im Berlinale-Palast sehen will, muss 14 Euro zahlen, ebenso viel kosten auch die Berlinale Special Galas. Die Filme der Sektion Generation gibt es für 4 Euro, dafür ist das Kulinarische Kino etwas teurer: Inklusive Menü kostet eine Karte bis zu 95 Euro. Dazu kommen Zuschläge für 3D, für Online-Buchungen und an Theaterkassen.

Untertitel

Wer kein Englisch spricht, sollte genauer ins Programmheft schauen. Viele Filme werden nur englisch untertitelt.

Menschen mit Handicap

Die meisten Berlinale-Kinos haben Rollstuhlplätze, seit 2014 werden einige Filmgespräche von Gebärdendolmetschern übersetzt. Infos: 030 25920259. Auf berlinale.de/inklusion informiert das Festival darüber, welche Kinos barrierefrei sind und welche Filme mit Audio-Deskription für Blinde und Sehbehinderte laufen.

Altersbegrenzung

Auch in diesem Jahr gilt: Zutritt erst ab 18 Jahre. Das liegt daran, dass für viele Filme noch keine FSK-Freigabe vorliegt. Wenn es diese Freigabe gibt, wird der Einlass altersabhängig gewährt. Ausgenommen sind davon natürlich die Filme der Sektion Generation, also die Kinder- und Jugendfilme.

Alle Spielstätten:

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(c) Märkische Oderzeitung
www.moz.de/berlinale

Verantwortlich für den Inhalt nach §55 Abs. 2 RStV:
Chefredakteur Claus Liesegang
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