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von Heike Hahn

Text: Camillo Kupke | Fotos: Gerrit Freitag, Heike Hahn | Video: Martin Römer

Das europaweit einzigartige barocke Kulissentheater von Leidensweg und Auferstehung Jesu in Neuzelle besitzt jetzt ein eigenes Museum. Im Kutschstall des früheren Zisterzienserklosters und einem unterirdischen Bau sind zwei Szenen mit 86 Figuren und Tafeln zu besichtigen. Die Neuzeller Passionsdarstellungen schuf der böhmische Maler Joseph Felix Seyfried um 1750. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurden sie während der Karwoche und an Ostern in der Klosterkirche aufgestellt.


„Sein Grab wird herrlich sein.“ Diese Inschrift auf einer schwarzen Tafel erblickt zuerst, wer den bunkerartigen Bau betritt, der am früheren Kutschstall in den benachbarten Weinberg getrieben wurde. Sogleich wandern die Augen durch den fensterlosen, betongrauen Raum – und müssen sich entscheiden. Links oder rechts? „Der Judaskuss“ oder die „Kreuztragung Jesu“? Egal, imposant sind beide Kulissen. Sie sind Teil eines der bedeutendsten Kunstwerke Brandenburgs – der Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab.

Was für ein Theater!

ET ERIT SEPULCHRUM EIUS GLORIOSUM

Ab dem 21. März 2015 werden die beiden Szenen mit ihren zusammen 86 Figuren und Tafeln erstmals seit 150 Jahren wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Die bis zu sieben Meter hohen Kulissen bilden quasi die Schatzkammer des neuen Museums im Kloster Neuzelle, das den prosaischen Namen „Himmlisches Theater“ tragen wird.

Das Museum werde ein „singuläres Projekt mit einer singulären Kunst“ präsentieren, sagt Friedrich-Wilhelm von Rauch, Geschäftsführer der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, die wesentlich zur Finanzierung beigetragen hat. Die Passionsdarstellungen „brechen das Bild, das wir sonst von Brandenburg haben“. Denn sie lenkten den Blick auf die „kraftvolle Gegenreformation der katholischen Kirche“ und damit auf ein „bisweilen vergessenes Thema“, so von Rauch. Neuzelle sei seinerzeit zu einem „Propagandazentrum der Gegenreformation“ gemacht worden.

Das Heilige Grab gerät zu einer Theaterkulisse. Doch es ist ein stummes Theater, es wird nicht bespielt.

Geschaffen werden die rund 220 erhaltenen Einzelteile der Passionsdarstellungen um 1750 von dem aus Böhmen stammenden Maler und Architekten Joseph Felix Seyfried und dessen Mitarbeitern. Im Auftrag des Abtes Gabriel (1700–1775) fertigen sie fünf farbige Bühnenbilder mit 15 Szenen vom Gebet Jesu am Ölberg bis zu seiner Auferstehung – eine Art Bilderbibel. Die mit Leimfarben bemalten Schautafeln, Leinwände und Figurengruppen werden während der Karwoche und zu Ostern vermutlich in der Klosterkirche der Zisterzienser aufgebaut. Kleine Glaslämpchen und mit gefärbtem Wasser gefüllte Glaskugeln illuminieren festlich die hintereinander gestaffelten Bilder. Das „Heilige Grab“, vergleichbar mit einer Guckkastenbühne, gerät zu einer Theaterkulisse. Doch es ist ein stummes Theater, es wird nicht bespielt.

Der Neuzeller Schatz vom Dachboden

Zwar sind solche Passionsdarstellungen auch in Böhmen, Tirol und Süddeutschland einst weit verbreitet, berichtet Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg. Nach Umfang und künstlerischer Qualität würden die Neuzeller Kulissen jedoch als „ein Ensemble von europäischem Rang“ gelten. Im Jahre 1863 wird letztmalig eine Szene, „Der Judaskuss“, aufgestellt. Die Verschleißerscheinungen nach mehr als 100 Jahren des Auf- und Abbaus führen zum Abbruch der Tradition. Die Kulissen seien „vom Zahn der Zeit zernagt“, wie der damalige Pfarrer Florian Birnbaum notiert. Die Teile verschwinden im Kirchturm und entgehen damit dem Schicksal anderer Kulissen – als Brennstoff für den Ofen.

Unvergessen, nicht unbehandelt

Vergessen ist der Kunstschatz danach nicht. So wird in den 1950er-Jahren versucht, die empfindlichen Bilder mithilfe eines hochgiftigen Holzschutzmittels vor Schädlingsbefall zu bewahren. Das Ergebnis sei, technisch gesehen, „Sondermüll“ gewesen, so Drachenberg. Eine fachgerechte Konservierung der Kulissen erfolgt ab 1997.

Zunächst wird die Szene „Der Judaskuss“ aus dem Bühnenbild „Garten“ in der Restaurierungswerkstatt des Landesdenkmalamtes in Wünsdorf von Wasserflecken, Taubendreck, Schimmelpilzen und Giftstoffen befreit, anschließend die Szene „Kreuztragung Jesu“ aus dem Bühnenbild „Stadt“. Alle weiteren Kulissen lagern unter optimalen klimatischen Bedingungen im Depot. Für deren Restaurierung fehlt das Geld. Sollte dies eines Tages noch noch zur Verfügung stehen, dann böte sich die Möglichkeit, die Szenen im Museum ab und an zu wechseln, sagt Drachenberg.

Zeit vergeht…

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